„Eine feste Burg ist mein Gott“ – Fulda als Hochburg des katholischen Traditionalismus

Auch im säkularen Deutschland gibt es noch immer Gebiete in denen sich eine christliche Rechte Fortschritt und Emanzipation entgegen stellt. Hier ist für Hessen sicherlich Fulda als Hochburg des katholischen Traditionalismus zu nennen. Anders als im Rechtsextremismus sind im Rechtsklerikalismus die Bibel und Aussagen religiöser Autoritäten die Quellen für ein gesellschaftliches Programm, was je nach Interpretation konservativ-reaktionär bis fundamentalistisch sein kann. Die Spannweite reicht dabei von der Ablehnung einzelner gesellschaftlicher Modernisierungen (wie dem Abbruch von Schwangerschaften) bei genereller Akzeptanz der parlamentarischen Demokratie, über den Wunsch nach dem Christentum als Staatsreligion, bis hin zum Anstreben eines christlichen Gottesstaat.

Obwohl es zu vielfältigen Kooperationen und Überschneidungen zwischen der extremen und der christlichen Rechten kommt, muss letztere doch als eigenständiges Phänomen mit eigener Agenda analysiert werden.

Der Traditionalismus, die katholische Spielart der christlichen Rechten, beruft sich nicht nur auf die Bibel, sondern auch auf das katholische Papsttum und hier besonders auf dessen antimodernistischen Vertreter. Mit dem aktuellen Papst ist man trotz dessen Positionen gegen Gender und Schwangerschaftsabbrüche unzufrieden, weil er in anderen Bereichen tendenziell eher liberale Haltungen vertritt.

Für den katholischen Traditionalismus heißt das, dass er sich nicht nur einer säkularen Gesellschaft gegenüber sieht, sondern auch in der eigenen Kirche um Macht und Einfluss kämpft. Die Konzepte der Rechtsklerikalen sind aber ohnehin langfristig angelegt.

Es geht darum, den eigenen AnhängerInnen Rückhalt zu bieten, die Kirche auf den rechten Weg zurück zu führen und die Gesellschaft im eigenen Sinne zu rechristianisieren.

Die katholische Hierarchie in Fulda

Zum langfristig angelegten Kampf für die Rechristianisierung und den damit verbundenen Kulturkampf wurden auch in der katholischen Hochburg Fulda diverse Organisationen geschaffen. Diese sind im wohlwollenden Schatten der lokalen Kirchenstrukturen aktiv. Hier gab es, anders als in anderen Bistümern, immer auch eine sympathisierende Hierarchie innerhalb der Kirche. Ein Blick auf die Bischöfe in Fulda zeigt, dass hier offenbar eine Traditionslinie von reaktionären Bischöfen besteht.

Als „Löwe von Fulda“ galt Johannes Dyba (1929-2000), der 1983-2000 katholischer Bischof von Fulda war. Zusätzlich war er auch noch 1990 bis 2000 Militärbischof in der Bundeswehr. Wie bei vielen katholischen Bischöfen, so war auch Dyba „Alter Herr“ einer Studentenverbindung im katholischen Dachverband Cartellverband (CV). Konkret ist er Mitglied der KDStV Fredericia zu Bamberg und der KDStV Arminia zu Heidelberg. Zusätzlich war er auch noch Mitglied des rechtskatholischen „Ritterordens vom Heiligen Grab von Jerusalem“.

Gesellschaftspolitisch war Dyba ein Gegner der Homo-Ehe. Er bezeichnete „Homosexualität als eine Degeneration“ und den für eine straffreie Abtreibung nach dem Gesetz benötigten Beratungsschein als „Lizenz zum Töten“.

Dybas Nachfolger als Bischof von Fulda ist seit Juni 2001 Heinz Josef Algermissen (* 1943). Auch er ist ein „Alter Herr“, konkret von drei katholischen Studentenverbindungen: Der KDStV Guestfalo-Silesia zu Paderborn, der KDStV Wildenstein zu Freiburg im Breisgau und der KDStV Adolphiana Fulda.

Algermissen verurteilte im Eröffnungsgottesdienst des rechtskatholischen Kongresses „Freude am Glauben“ 2015 in Fulda Gender-Mainstreaming als eine Ideologie, „welche der Wirklichkeit und der Integrität der menschlichen Natur völlig entgegenstehe“.

Auch in der Hierarchie unterhalb des Bischofs finden und fanden sich in Fulda Vertreter des katholischen Traditionalismus. Etwa der Theologe Aloysius Winter (1931-2012). Er war als Seelsorger für die italienischen Gemeinden in Kassel, Hanau und Fulda tätig, Subsidiar am Fuldaer Dom und von 1994 bis zu seiner Emeritierung in 2000 Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Fulda. Seit 2000 war er zudem ein Kuratoriumsmitglied des rechtskatholischen „Forums Deutscher Katholiken“.

Winter sprach sich nach dem Rauswurf Martin Hohmanns aus der CDU auch für die Kandidatur Hohmanns aus, kann somit als dessen Unterstützer gelten.

Der Rechtskatholik in der AfD: Martin Hohmann

Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann aus Neuhof bei Fulda, der seit 2017 für die AfD im Bundestag sitzt, ist ein anschauliches Beispiel für einen rechten Katholiken.

Sein Rechtskatholizismus wird in einer Pressemitteilung Hohmanns vom 8. Juni 2005 noch einmal sehr deutlich, die eine Reaktion auf die Kritik Angela Merkels an Papst Benedikt XVI darstellte: „Der Papst ist nicht dazu da, sich beim Zeitgeist einzuschmeicheln, sondern ewige Wahrheiten unbeirrt zu verkünden. Ich bin Papst Benedikt XVI. für seine klare Ansage dankbar. Er stellt das heraus, was die Heilige Schrift und die 2000-jährige Lehre der Kirche als Wahrheit festhalten. Wenn der Katechismus der Katholischen Kirche praktizierte Homosexualität als ‚schlimme Abirrung’ bezeichnet, dann kann niemand vom Papst eine abweichende Haltung erwarten. Es ist nicht der Papst, der die Homosexuellen beleidigt, wenn er gleichgeschlechtliche Ehen ‚Pseudo-Ehen’ nennt; es sind organisierte Homosexuelle, die mit dem Irrsinn der ‚Homo-Ehe’ die Schöpfungsordnung beleidigen, die man auch als biologische Vernunft bezeichnen kann. Angesichts der sich immer deutlicher abzeichnenden demographischen Katastrophe ist jede Stellungnahme und insbesondere jedes Papstwort zur Stärkung der Familie Gold wert.“

Auch in der Union, die er 2004 trotz einer breiten innerparteilichen Solidaritäts-Kampagne verlassen musste, galt er als rechts außen stehend. Immerhin wurde Hohmann als Nachfolger des berüchtigten CDU-Stahlhelmers Alfred Dreggers im Wahlkreis Fulda 1998 für die CDU in den Deutschen Bundestag gewählt.

Die CDU verlassen musste er, nach dem eine Rede Hohmanns zum 3. Oktober 2003 von den Medien kritisiert und skandalisiert wurde. Darin versuchte er über antisemitische Analogien die Deutschen als „Tätervolk“ freizusprechen, indem er sie mit jüdischstämmigen Bolschewisten in der Sowjetunion verglich.

Nach einer erfolglosen unabhängigen Kandidatur wandte sich Hohmann 2016 der AfD zu. Bis dahin trieb er sich in der extremen Rechten herum. So war er etwa Gründungsmitglied der erfolglosen rechten Vereinigung „Stimme der Mehrheit“ oder Unterzeichner des „Manifest der Deutschen 2008“, indem vor einem Aussterben der Deutschen gewarnt wird. Außerdem war er Ehrenmitglied der erfolglosen Wählervereinigung „Arbeit, Familie, Vaterland“ des ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Henry Nitzsche aus Sachsen.

Nach diesen erfolglosen Versuchen wandte sich Hohmann der AfD zu, für die er nun im Bundestag sitzt.

Rechtskatholische LebensschützerInnen

Als „Lebensschützer“ bezeichnen sich selbst zumeist christlich motivierte AbtreibungsgegnerInnen. Zu diesen gehört der „Aktionskreis Fulda in der Aktion Leben e.V.“ mit Sitz in Neuhof, der selbst angab „über 1.000 Mitglieder“ zu haben.

Der vertretungsberechtigte Vorstand besteht aus dem 1. Vorsitzenden Walter Ramm, dem stellvertretenden Vorsitzenden Karl-Heinz Scheller, dem Kassenwart Reiner Bergold und den BeisitzerInnen Doris Laudenbach, Otto Spahn und Hartmut Kullmann.

Überschneidungen bestehen zum Verein „Vaterhaus e. V.“ mit Sitz in Fulda. Im Vorstand des Vereins findet sich neben Martin Haubs und Maria Hohmann auch Otto Spahn, der Beisitzer im Aktionskreis ist.

Zu den ‘LebensschützerInnen’ gehört auch die Oberstudienrätin Cornelia Kaminski aus Fulda. Sie ist stellvertretende Bundesvorsitzende der bundesweit aktiven „Aktion Lebensrecht für Alle“ (ALfA). Ihre Tochter Fabiola Kaminski ist dagegen aktiv bei „Jugend für das Leben“ und der „Jungen Union“ in Fulda.

Stellvertretender Vorsitzender des ALfA-Regionalverband Fulda ist Martin Haubs, der auch Vorsitzender von „Vaterhaus e.V.“ ist.

Rechtskatholischer Veranstaltungsort

Auch ALfA und der Verein „Ärzte für das Leben“ treffen sich immer wieder in Fulda. So fand die ALfA- Bundesdelegiertenversammlung vom 17. bis zum 19. Mai 2019 in Fulda statt.

In diesem Zusammenhang sprach Professor Dr. med. Paul Cullen, Vorsitzender der „Ärzte für das Leben“, auf Einladung der „Christdemokraten für das Leben“ (CDL) in der CDU und der ALfA im VHS-Forum im Kanzler-Palais in Fulda 17. Mai 2019 vor knapp 200 Zuhörern und Zuhörerinnen.

Seit mehreren Jahren findet im Juni oder August in Fulda auch die von „Europrolife“ mit Sitz in München organisierte Antiabtreibungs-Demonstration „1000 Kreuze für das Leben“ statt. An ihr nehmen bis zu 200 Personen teil.

Bis 2018 fand im Kongresszentrum Esperanto in Fulda der Kongress „Freude am Glauben“ des „Forum Deutscher Katholiken” statt. Zu dem wohl wichtigsten rechtskatholischen Event in Deutschland kommen immer mehrere hundert Personen. Die ReferentInnen-Listen lesen sich dabei wie ein Who is who des rechten Katholizismus. Man darf davon ausgehen, dass Antifeminismus und Homophobie hier common sense gewesen sind.

Am 13. Oktober 2018 fand zudem im Kloster Frauenberg in Fulda das „Christliche Forum“ zum Thema „Erneuerung Europas aus dem Geist des Christentums“ mit Michael Ragg, Dr. Vishal Mangalwadi, Dr. Gudrun Kugler (ÖVP-Nationalrätin), Birgit Kelle, Alexandra Maria Linder, Prof. Dr. Werner Münch (Ministerpräsident und Europaabgeordneter a.D.) und Ortwin Schweitzer statt. Die Moderation übernahmen Alexandra Maria Linder, Michael Ragg, Karin Heepen, Mathias Scheuschner und Dieter Burr.

Die Piusbruderschaft

Die Piusbruderschaft hatte sich zeitweise von der katholischen Kirche abgespalten. Ihr gingen die moderaten Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu weit. Aber unter Papst Benedikt XVI wurde sie wieder in die katholische Kirche integriert, obwohl einer ihrer vier Bischöfe, Bischof Williamson, ein offener Holocaustleugner war.

Williamsons offene Holocaustlugnung darf aber nicht wirklich verwundern, denn die Piusbruderschaft ist insgesamt eine antisemitische Organisation. Ihr Antisemitismus ist dabei aber zumeist nicht die moderne Variante, sondern vielmehr die mittelalterliche. So schrieb der deutsche Distriktobere, Pater Franz Schmidberger 2008: „Damit sind aber die Juden unserer Tage nicht nur nicht unsere älteren Brüder im Glauben. Sie sind vielmehr des Gottesmordes mitschuldig. Solange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren.“

Alljährlich findet seit 2004 die Nationalwallfahrt des deutschen Distrikts der Priesterbruderschaft St. Pius X in Fulda mitsamt einer „Deutschlandweihe“ statt.

Dieser Aufmarsch soll an ‘gute’ alte Zeiten anknüpfen. Im September 1954 fand schon einmal in Fulda eine „Deutschlandweihe“ statt. Damals versammelten sich nicht ein paar Hundert, sondern 100.000 KatholikInnen vor dem Dom des ‘heiligen’ Bonifatius.

Auch dieses Jahr heißt es bei der Piusbruderschaft wieder „KOMMEN SIE NACH FULDA – Aus Liebe zu unseren Kindern! – Aus Liebe zu Vaterland und Kirche!“.

Die diesjährige Fulda-Wallfahrt zeigt auch noch einmal die Verflechtungen der extremen Rechten mit der Piusbruderschaft. Die zuständige Kontaktperson für die Anmeldungen für die Piusbruderschaft-Jugendorganisation „Katholische Jugendbewegung“ (KJB) zur Wallfahrt ist Moritz Scholtysik aus Aschaffenburg. Er war ein Aktivist der extrem rechten „Identitären Bewegung“ und nahm am 11. Juni 2016 in Wien an einer Demonstration der IB teil, bei der er ein blaues T-Shirt der IB-Bayern trug. Gleichzeitig war er von 2016 bis Mai 2019 Vorsitzender der KJB.

Rechtskatholische Medien

In der Region Fulda finden sich auch rechtskatholische Medien wie etwa das Internetfernsehens „bonifatius.tv“ mit Sitz in der Goerlder Str. 15 in Fulda. In Fulda befindet sich die Grabstätte des heiligen Bonifatius, der in der katholischen Kirche als Apostel Deutschlands gilt.

Träger von „www.bonifatius.tv“ ist der beim Registergericht Fulda eingetragene Verein. Verantwortlich ist laut Impressum ein Norbert Hohmann aus Spahl.

Der Online-TV-Sender strahlt Sendungen mit Inhalten aus, die sich an ein rechtskatholisches Publikum richten. In der Reihe „Glaubenskompass“ der „Kirche in Not“ bei „bonifatius.tv“ kommt beispielsweise die katholische Antifeministin Gabriele zu Wort und schwadroniert über einen angeblichen „Homototalitarismus“.

Fazit: Hochburg des Rechtskatholizismus

Der Rechtskatholizismus in Fulda wird bisher nur selten thematisiert. Dabei ist sein virulenter Antifeminismus und seine Homophobie kein Thema, was eine antifaschistische und feministische Linke ignorieren darf. Keinesfalls stehen religiös-reaktionäre Polit-Positionen unter Religionsfreiheit.

Zum Problem mit extremen Rechten in Fulda scheinen dabei mehrere Verbindungen zu bestehen. Einmal über personelle Überschneidungen, wie die Personalie Martin Hohmann verdeutlicht. Zum anderen könnte die generelle katholisch-konservative Prägung von Stadt und Region auch für ein Kleinhalten antifaschistischer Abwehrkräfte gesorgt haben. Diese können sich weniger gut entfalten, wenn ihnen die lokale Stadt-Gesellschaft ablehnend bis feindlich gegenüber steht.

Hier gilt es also, dicke Bretter zu bohren und immer wieder zu thematisieren, was die lokale Stadt-Gesellschaft gerne ignoriert, toleriert und dadurch mit trägt. Andererseits müssen vor Ort eigene antifaschistische und feministische Alternativen unterstützt werden.

Hessischen Landesliste der AfD: Von Konzertausflügen mit Neonazis, Begeisterung für Faschisten und Applaus für Antisemiten

Bundestagswahlspezial zur AfD-Hessen

 

In den letzten Monaten ist auf diesem Blog, sowie in der Folge auch in verschiedenen Medien* von den Verbindungen hessischer AfD-Kader und Bundestagskandidat*innen weit ins faschistische Milieu berichtet worden. Auch eine Anfrage im hessichen Landtag zog dies schon nach sich. In Anbetracht der äußerst dürftigen Konsequenzen im zivilgesellschaftlich-medialen Umgang mit der AfD und den ebenso zahlreichen wie fadenscheinigen Distanzierungen seitens der fraglichen Funktionäre, widmen wir uns in diesem Text nochmals dem völkischen Netzwerk der hessischen AfD, anhand ihrer Liste für die Bundestagswahl, besonders dem Vorsitzenden des Parteinachwuchses Jan Nolte (Listenplatz 4), sowie dem bisherigen Biedermann Julian Schmidt (Listenplatz 9).

Julian Schmidt, AfD-Bundestagskandidat für den Wahlkreis Marburg-Biedenkopf, zeichnete sich lange Zeit durch öffentliche Zurückhaltung aus, bis der Ex-Zeitsoldat sich mit einem offenen Brief an Verteidigungsministerin von der Leyen wandte. Dieser war gespickt mit geschichtsrevisionistischen Thesen, so reduziert er den NS-Volksstaat auf „eine Gruppe von Verbrechern“, nennt den „ganz große[n] Teil der Wehrmacht nicht Täter, sondern Opfer“ und fordert zudem diesen genauso zu Gedenken wie „allen anderen Opfern der Naziherrschaft“. In einem Antwortschreiben auf die Skandalisierung dieser Aussagen durch „Buzzfeed“ will er sich davon auch in keinster Weise distanzieren, der Inhalt des Briefes widerspräche „weder den Leitlinien meiner Partei noch sonstigen gesellschaftlichen Konventionen in Deutschland“. In Bezug auf die AfD stimmt diese Aussage natürlich und auch der bundesrepublikanische Erinnerungsdiskurs ist in Zeiten von Medienspektakeln wie „Unsere Mütter – unsere Väter“ erfüllt vom ganz eigenen Geschichtsrevisionismus der „wiedergutgewordenen Deutschen“ (Eike Geisel). Mit historischer Realität oder aktuellem Forschungsstand hat seine verquere Weltsicht jedoch nichts zu tun.

Schmidt ist trotz seines Images klar Träger von Versatzstücken äußerst rechter Ideologie. Weitergehende Recherchen haben desweiteren zu Tage gefördert, dass er auch Kontakt zu militanten Neonazis pflegt. Das folgende Foto zeigt Schmidt beim Besuch eines „Böhse Onkelz“-Konzerts am 21.November 2016 zusammen mit Torsten Debus (Bildmitte), welcher seinen (Facebook-)Freund sowie seine Frau auch auf dem Bild verlinkte.

(Im roten Kasten, v.l.n.r. Torsten Debus, Jessica & Julian Schmidt)

 

Dieser ist Antifaschist*innen seit langem als Nazischläger und Hooligan bekannt, auf dem nächsten Bild ist Debus bspw. auf einem Neonazikonzert, in einem Shirt der neonazistischen Band „Sleipnir“ zu sehen, Arm in Arm mit einem jüngeren Neonazi, laut dessen Shirt Anhänger von „Combat 18“, dem militanten Arm des in Deutschland verbotenen „Blood and Honour“-Netzwerks, verantwortlich für zahlreiche Terrorakte und Gewalttaten.

Die Bilder zeigen wie scheinheilig die Abgrenzugsversuche und das Bemühen um Seriösität sind, wenn gleichzeitig Umgang mit Hardcore-Neonazis gepflegt wird. Daneben wirkt seine andauernde Zusammenarbeit mit dem “Identitären”-Faschisten und Burschenschafter der Germania Marburg Nils Grunemann, im Rahmen der Jungen Alternative Marburg fast nebensächlich.

Auch beim aktiven Bundeswehrsoldaten Jan Nolte, Kandidat für Waldeck-Frankenberg lohnt eine erneute Betrachtung. Der umtriebige Chef der dortigen AfD-Kreistagsfraktion, sowie der hessischen Jungen Alternative, hatte bereits vor einigen Monaten mit Vorwürfen zu kämpfen, da Antifaschist*innen auf Noltes privater Facebookseite Likes einschlägiger Neonazimarken entdeckten und dies nebst seiner Vorliebe für allerlei Germanenkitsch publik machten. Dieser löschte die Gefällt-mir-Angaben und saß die Sache mittels Leugnung einfach aus.

Doch lange währte die Ruhe nicht, denn am 29.04.2017 fand der hessische Landeskongress der Jungen Alternative auf dem Haus der berüchtigten Burschenschaft Germania Marburg statt. Die Ereignisse des Tages erregten einiges an Aufmerksamkeit, nachdem es dort zu gewalttätigen Übergriffen auf Fotograph*innen kam – was diese prompt in ausführlichen Bilderserien festhielten.

(rot: Maximilian Kolb, JA-Landesvorstand, AfD-Schwalm Eder, sowie Sprecher der B!Germania,  orange: Philip Stein, Gründungsmitglied v. “Ein-Prozent”, Sprecher der B!Germania a.D. und europaweit in neofaschistische Kreise vernetzt)

 

Die Fotos von Max Kolb, Sprecher der B!Germania und Mitglied des Landesvorstands der JA, wie er vermummt unter anderem gemeinsam mit dem Jungverleger faschistischer Klassiker und B!Germania Sprecher a.d. Philip Stein auf die Journalist*innen losging, fand einigen Widerhall in hessischen, aber auch in überregionalen Medien, da Torben Braga (ebf. B!Germania und enger Berater Höckes) diesen mit dem Auto der thüringischen AfD-Fraktion direkt zum Ort des Geschehens brachte. Aber irgendwie schaffte Nolte auch dies auszusitzen, vor allem dank komplett untätiger Behörden und dem mäßigen Interesse der Öffentlichkeit. Stattdessen gelang es der AfD im Marburger Kreistag sogar eine eigene Resolution, gerichtet gegen linke Gewalt, zur Annahme zu bringen.

Und auch die jüngst erfolgte Anfrage im hessischen Landtag zu Verbindungen von extremer Rechter und AfD-Hessen war geriet zur Farce. Mit Blick auf die Vorfälle auf dem JA-Landeskongress hatte die SPD angefragt, die Antwort der CDU bestand jedoch lediglich daraus das zu bestätigen, was die auf diesem Blog veröffentlichten Fotos ohnehin belegten – wenigernoch, über die hier komplett durchanalysierten strukturellen und politischen Verbindungen von völkischer Verbindungsszene, AfD uvm. sollte gar nichts gesagt werden um die Arbeit des Verfassungsschutzes nicht zu gefährden. Desweiteren deklarierte sie die “personellen Überschneidungen” sogleich als Einzefälle und auch von einer Beobachtung der JA-Hessen oder B!Germania Marburg durch den Verfassungsschutz wollte der Staatssekretär d. Inneren Koch nicht reden.

Letzteres wurde von Nolte anscheined sogleich aufgenommen. Auch er wurde von “Buzzfeed” mit seinen Verbindungen ins völkisch-faschistische Milieu konfrontiert, offenbar besonders mit den Ereignissen des Landeskongress. In seiner Antwortmail weist er dann auch jegliche Verantwortung von sich. So sei der in diesem Rahmen dokumentierte Handschlag mit dem “Blood and Honour”-nahen Neonazis und Burschen der Marburger Rheinfranken Lars Roth rein zufällig zustandegekommen, auch wenn er sich nicht ausdrücklich von diesem distanziert. Für die Germania hat er jedoch klare Worte, denn “Was die Burschenschaft Germania angeht, so ist für uns nicht die Einschätzung von Linksextremen maßgeblich, sondern die des Verfassungsschutzes” und für diesen scheinen extrem rechte Bestrebungen seit jeher irrelevant zu sein, insoweit sie von der Verbindungsszene ausgehen.

Besonders bemerkenswert finden wir aber seine Behauptung, die JA-Hessen arbeitete nicht mit der faschistischen “Identitären Bewegung” zusammen und sein Landesverband sei sogar der erste gewesen der einen Unvereinbarkeitsbeschluss verabschiedet habe. Und das ist nun einfach gelogen. Zwar gibt es diesen Beschluss tatsächlich, aber irrelevanter könnte er kaum sein. So gibt es zum einen diverse personelle Überschneidungen auf unterschiedlichen Ebenen. So abermals die Germania Marburg, die offenbar den größten Teil der “IB-Marburg” stellt, fand doch das Gründungstreffen, wie auch die Vorbereitung der ersten Aktionen auf dem Verbindungshaus statt. Der Germane und stellvertretende JA-Marburg Sprecher Nils Grunemann wurde sogar zum “Obmann der Identiären Bewegung Deutschland” gewählt. Noltes AfD-Kollege Andreas Lichert bot der IB schon in seiner Projektwerkstatt in Karben reichlich Raum und fungierte jüngst als Bevollmächtigter beim Kauf eines Hauses für den halleschen und bundesweit wohl bekanntesten Ableger der IB, “Kontra Kultur”.

Aber eigentlich ist ein Blick auf Nolte selbst am besten geeignet um die Fadenscheinigkeit seiner Behauptungen zu erkennen. So gefällt ihm die Facebookseite “Radical Esthétique” –  ein Ableger der identitären Bekleidungsmarke “Phalanx Europa”, scheinbar in Zusammenarbeit mit Philip Steins “Jungeuropa-Verlag”.

Während dort Klassiker faschistischer Literatur neu verlegt werden, bietet  “Radical Esthétique” die Mode und Lifestyle dazu. So posten sie betont lässige Bilder die sich immer wieder Faschisten und ihren Organisationen widmen – Jogginghose, Kippe und Capitan Codreanu, wohl bedeutendster rumänischer Faschist des 20. Jhd, so sieht für die Seitenbetreiber (und anscheinend auf Jan Nolte) ein entspannter Sonntag aus.

Oder es werden eigene Motive entworfen wie hier ein Portrait von José Moscardó Ituarte, General des faschistischen Spaniens:

(Der Post ist eine Anspielung auf den Klassiker faschistischer Literatur “Die Kadetten des Alcazar” von Robert Brasillach, Nazikollaborateur und Antisemit – neuverlegt von Philip Stein aka “Jungeuropa”)

 

Ihr Selbstverständnis ist eine Ansammlung heroisch-pathetischer Phrasen, gipfelnd in einem Verweis auf ihr Ziel – die (nationale) Revolution:

“Die Loyalität, die Ehre und der Mut des letzten Mannes, der ihn bis zum Tod kämpfen lässt. […]

Die Hoffnung, die zur Revolution wird! ”

Das es sich hier um ein dezidiert faschistisches Projekt handelt wird auch unter anderen durch diesem Post auf ihrem Instagram-Account deutlich:

Ist das Liktorenbündel für sich genommen schon historisches Symbol (nicht nur) der italienischen Faschisten, klärt spätestens der Hashtag #fascime (dt. Faschismus) auf.

Interessantester Post war aber wohl gleichzeitig das einzige Motiv das es bisher auf ein reales T-Shirt geschafft hat und zwar diese “Eisenfaust”, die auch Jan Nolte gefällt (sowie den Burschenschaftern Moritz Guth, Germania und Bastian Löhr Rheinfranken Marburg):

Und diese Faust hat es in sich. Die “Eiserne Faust” war eine informelle Vereinigung völkisch-nationalistischer Reichswehroffiziere, in denen besonders viele ehemalige Freikorpskämpfer organisiert waren. Sie existierte von 1919-1934 und war klar völkisch ausgerichtet. Sie war zwar faschistisch und antisemitisch ausgerichtet, jedoch nicht dezidiert nationalsozialistisch. Sie war ein völkisches Netzwerk, in dem sich im Sinne extrem rechter Politik ausgetauscht und vernetzt wurde. Historische Bedeutung erlangte sie mit der Einführung Hitlers durch Ernst Röhm, womit dieser wichtige Kontakte zur Reichswehr erhielt.

Seine Gefällt-mir-Angaben für diese Seite im Allgemeinen und die “Eisenfaust” im besonderen sprechen auf jeden Fall Bände über die Gesinnung Noltes. Die Vereinigung war prägend für die frühe Bewegungsphase der deutschen Faschisten. Aufgrund ihres völkischen Netzwerkcharakters und dem Anspruch eine Bewegung zu formen kommt man nicht umhin sich an die hessische AfD, sowie ihr Netzwerk von, Identitären, Burschenschaften und dem Institut für Staatspolitik erinnert zu fühlen (sowie dem Soldaten Nolte und Ex-Soldaten Schmidt). Insbesondere die faschistische, aber nicht dezidiert nationalsozialistische Ausrichtung machen sie als radikalen aber nicht völlig verbrannten Bezugspunkt attraktiv.

Eine Bühne für Antisemitismus

Die von seiner Kreistagsfraktion Waldeck-Frankenberg organisierte Wahlkampfveranstaltung passt dazu auch bestens ins Bild. Als Redner*innen waren neben den Direktkandidat*innen Christine Anderson (Pegida-FFM), Andreas Lichert (Institut für Staatspolitik) und Jan Nolte selbst, der Chefredakteur des antisemitschen Hetzblatts “Compact”, Jürgen Elsässer geladen.

(Bundestagskandidat Nolte war sichtlich angetan von den Worten Elsässers)

In der Fragerunde warnte er dann codiert in Form der jüdischen Familien Rothschild und Soros vor den Machenschaften “der Juden” benannte allein das Befassen mit diesen, wie im Rahmen seines verschwörungstheoretischen Magazins als “gefährlich” und bezeichnete sie als “heißes Eisen”. Gemäß seiner sogar gerichtsfest erprobten Taktik verdichtete er jüdische oder jüdisch klingende Namen, antikapitalistische Ressentiments gegen die Banken oder Währungspolitik, gegen “die da oben” und sogar den Parlamentarismus als solchen zu einem Gesamtbild, dass auch ohne konkrete Nennung bei seinen Hörer*innen das Bild des manipulierenden, allmächtigen “Finanzjudentums” entstehen lässt. Damit haben Nolte und seine AfD Waldeck-Frankenberg gezeigt, dass die AfD-Hessen nicht nur mit Martin Hohmann (Fulda, Platz 6) dem Antisemitismus und seiner geopolitischen Reproduktion als Antizionismus wieder Raum gewähren!

Die obigen Fundstücke zeigen erneut: menschenfeindliche Tendenzen in der AfD-Hessen sind hochaktuell, kein Einzelfälle und ziehen sich bis in höchste Kreise. Dazu hat die AfD-Hessen gezeigt, dass ihre völkisch-faschistische Ideologie durchaus auch in realen Gewalttaten mündet – mit Parteifunktionären mittendrin ohne das für diese oder ihre Partei irgendwelche Konsequenzen drohen würden! Wer AfD wählt kriegt zwar nicht unbedingt Neonazis, Faschist*innen aber in jedem Falle!


*Zuletzt ließ das Medienportal Buzzfeed verlautbaren, sie hätten alle 396 AfD-Bundestagskandidaten „durchleuchtet“ und seien dabei auf etwa 50 Personen gestoßen, die sich nicht von extrem Rechten abgrenzen oder selbst zu diesen zählen würden.

Wenngleich wir die Berichterstattung, vor allem im Hinblick auf ihre breite Rezeption in etablierten Medien begrüßen, sehen wir uns doch genötigt auch deutliche Kritik zu üben.

So stammt der größte Teil der Informationen offensichtlich aus antifaschistischen Recherchestrukturen, oder vorangegangen Berichten engagierter Journalist*innen. Dass diese Quellen nicht mitangegeben werden ist natürlich zunächstmal ärgerlich für eben diese, da so mögliche Aufmerksamkeit und wertschätzende Einordnung der Arbeit dieser Strukturen und Gruppen entfällt, was mit Blick auf das „linksunten.indymedia“-Verbot besonders schmerzt. In diesem Fall ist es zudem gefährlich, da das simple Googeln und Abschreiben von Facebookprofilen und Antifa-Recherche sicherlich kein „Durchleuchten“ einer Person darstellt. Verglichen mit der zumeist punktuell betriebenen Berichterstattung, die völkisch-nationalistische Tendenzen immer wieder als Einzelfälle durchgehen lassen, ist dies zwar ein Fortschritt, es wurde jedoch überhaupt nicht reflektiert, dass extrem rechte Propaganda in öffentlich einsehbaren Facebookprofilen lediglich die Spitze des Eisbergs ist. Mit dem Anspruch fast 400 Kandidat*innen „analysiert“ zu haben und nur bei 50 fündig geworden zu sein, werden somit fast 350 Kandidat*innen und somit der Großteil der AfD-Listen von völkischen, antisemitischen und faschistischen Tendenzen freigesprochen. Wie wir finden, ein schwerwiegender Fehler.